BTE Blog: Tourismus im ländlichen Raum Was ist eigentlich Tourismus im ländlichen Raum?


Ein Beitrag von:
Dr. Alexander Schuler
geschrieben am 21.05.2012

Diese Frage wird oft an uns gerichtet. Der „ländliche Raum“ ist ein wesentlicher Arbeitsbereich von uns und aktuell Gegenstand von verschiedenen Veranstaltungen und Projekten wie z.B. die Jahrestagung der Deutschen Vernetzungsstelle ländliche Räume 2012 oder dem Projekt des DRV zur Suche nach guten Beispielen für Tourismus im ländlichen Raum. Das ist auch der Grund, weshalb wir uns nun regelmäßig dem Begriff und allem, was damit zusammenhängt, in unserem Blog widmen wollen. Aber zurück zum Ausgangspunkt: Tourismus im ländlichen Raum? Nachfolgend eine kurze Antwort auf die Frage.


 


Der Tourismus im ländlichen Raum und seine Begrifflichkeiten
Ländliche Räume nehmen ca. 59% der Fläche Deutschlands ein. Nach einer Klassifizierung der OECD und Kriterien wie Bevölkerungsdichte und Urbanisierungsgrad, sind es sogar 80% der Fläche. Damit wird zweierlei deutlich: zum einen sind ländliche Räume prägend für Deutschland und zum anderen ist eine Abgrenzung des ländlichen Raums schwierig. Urlaub auf dem Bauernhof, Urlaub auf dem Lande, Landtourismus, Agrotourismus etc. sind nur einige der Begriffe, die in diesem Zusammenhang genutzt werden. Das mag ein Grund dafür sein, weshalb es bisher im deutschsprachigen Raum an einer zusammenfassenden Publikation zum Thema „Tourismus im ländlichen Raum“ fehlt, welche für Forschende wie Praktiker eine Orientierung bieten würde.

Segmente des Tourismus im ländlichen Raum
Eine große Bedeutung hat der ländliche Raum für die Durchführung vielfältiger naturbezogener Erholungs- und Freizeitaktivitäten. Ob Naturbeobachtung oder -erlebnis, Wandern, Radfahren, wassersportliche Aktivitäten, Aktivitäten rund ums Pferd kombiniert mit regionaler Kultur: alle Aktivtäten werden bevorzugt im ländlichen Raum ausgeführt bzw. nur der ländliche Raum bietet dafür geeignete natürliche und kulturelle Grundlagen. Darauf aufbauend sind entsprechende Infrastrukturen und Angebote erforderlich, vor allem wenn daraus Wertschöpfungseffekte erzielt werden sollen.


  • © BTE Urlaub auf dem Bauernhof
  • © BTE IKEK - Nördliches Fichtelgebirge
  • © BTE Besucherlenkung Wandern

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Nachfrage für Tourismus im ländlichen Raum
Bei einer Betrachtung des Reiseaufkommens für alle Urlaubsformen in Deutschland wird deutlich, dass je nach definitorischem Hintergrund und einer weiten Abgrenzung des Tourismus im ländlichen Raum davon ausgegangen werden kann, dass zwei Drittel aller Übernachtungen und rund 40 % der Tagesreisen außerhalb von Städten und damit im ländlichen Raum stattfinden. Zentrale Motive für Reisen in ländliche Räume sind „Natur“ und „Ruhe“. Neben der Natur, die als Natur und Landschaft sowie die Nähe zur Natur verstanden werden kann, spielt aber auch der Begriff der „Idylle“, die „Regionalität“ und die Anwesenheit von Tieren eine Rolle. Für ländliche Tourismusregionen ist daher die Qualität von Natur und Landschaft eine zentrale Grundlage für ihre touristische Attraktivität. Den zahlreichen Schutzgebieten in Deutschland kommt damit eine besondere Aufgaben zu.

Wachsende Herausforderungen aus veränderten Rahmenbedingungen
Der Tourismus im ländlichen Raum sieht sich jedoch auch wachsenden Herausforderungen gegenüber, die aus veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen resultieren. Diese haben bereits jetzt einen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit ländlicher Tourismusregionen, deren Organisationen sowie auf die kooperierenden Akteure. Die Veränderungen der Rahmenbedingungen betreffen sowohl das Angebot als auch die Nachfrage. Zu den wesentlichen veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zählt der demographische Wandel, der auch fiskalisch Auswirkungen auf die Steuereinnahmen und damit auf die Finanzierung öffentlicher Aufgaben (Infrastruktur, Ausbildung, aber auch auf den Tourismus als freiwillige Aufgabe) hat. Zudem werden aufgrund sinkender öffentlicher Budgets und rückläufiger Bevölkerungszahlen in Deutschland besonders auf regionaler und lokaler Ebene weiterführende Kreis- und Gemeindereformen erneut zur Diskussion gestellt werden und damit auch die bestehenden lokalen und regionalen touristischen Organisationsstrukturen beeinflussen. Die für den Tourismus zur Verfügung stehenden Finanz- und Personalressourcen müssen deshalb neu strukturiert und die Identifikation der Bevölkerung mit den regionalen Destinationen gesichert werden.

Zu den veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind die bereits genannte zum Teil prekäre Haushaltslage vieler Kommunen zu zählen. Die Zuweisungen des Bundes und der EU an vor allem die neuen Bundesländer sinken bis 2020 erheblich und begrenzen zunehmend die Förderung des Tourismus. Aber auch die ökologischen Rahmenbedingungen wie z.B. die Folgen des Klimawandels haben konkrete regionale und lokale Auswirkungen auf die naturräumlichen und soziokulturellen Voraussetzungen für den Tourismus im ländlichen Raum. Gefragt sind deshalb z.B. innovative und nachhaltige Formen der Mobilität.
Die sich ständig verändernden technologischen Rahmenbedingungen sind eine Chance und ein Risiko zugleich für ländliche Tourismusregionen. Zum einen können diese von neuen technologischen Lösungen profitieren und zum Beispiel einen besseren Marktzugang erhalten. Zum anderen besteht das Risiko, dass sie nicht schnell genug Zugang zu neuen Technologien erhalten (z.B. Breitbandversorgung) und sich damit ihr Entwicklungsabstand zu den urbanen Zentren vergrößert.
Auch sich ändernde politische Rahmenbedingungen haben Einfluss auf den Tourismus im ländlichen Raum. Dazu gehören u. a. die zunehmend weltweite Reisefreiheit und damit ein erleichterter Zugang ausländischer Zielgruppen zu deutschen Tourismusregionen. Hiermit ergeben sich neue Chancen der Gästegewinnung auch für die ländlichen Regionen.

Tourismus im ländlichen Raum als Wirtschaftsfaktor
Es zeigt sich: die Facetten des Tourismus im ländlichen Raum sind vielfältig. Die vielen verschiedenen Segmente bieten den Gästen Möglichkeiten für Erholung und zahlreiche Aktivitäten. Sie fördern somit den Auf- und Ausbau von Arbeitsplätzen und führen nach Schätzungen des dwif zu wirtschaftlichen Effekten von geschätzten 73,4 Mrd. € touristischem Bruttoumsatz. Der Tourismus im ländlichen Raum ist damit wirtschaftlich ein Schwergewicht und verdient deshalb politisch insbesondere auch wegen seiner Schnittstellenfunktion zu anderen Branchen wie der Landwirtschaft, Handwerk, Kultur, Industrie usw. eine entsprechende Würdigung.



Weitere Informationen (externe Webseiten)

» Deutsche Vernetzungsstelle ländlicher Raum

» Projekt des DRV zur Suche nach guten Beispielen für Tourismus im ländlichen Raum



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