BTE Blog: Tourismus im ländlichen Raum Nachhaltigkeit im Deutschlandtourismus Aktuelle Kurzstudie zu den Nachhaltigkeitsaktivitäten deutscher Tourismusdestinationen


Ein Beitrag von:
Martin Balaš
geschrieben am 06.11.2017

Die Leitidee der nachhaltigen Entwicklung ist auch im Tourismus kaum mehr wegzudenken. Wir haben hierzu bereits mehrmals im Blog berichtet und aus den Projekterfahrungen unsere Empfehlungen für Tourismusakteure abgegeben. Bislang gibt es allerdings sehr wenige Informationen darüber, wie die Tourismusverantwortlichen in den Destinationen mit Nachhaltigkeit umgehen. Deshalb haben wir unseren Blick auf die Destinationsmanager gerichtet und sie im Auftrag des Deutschen Tourismusverband e.V. (DTV) befragt: Wie setzen Sie sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander, wo werden Anstrengungen unternommen und welche Weichenstellungen müssen gesetzt werden, um noch aktiver in die Umsetzung konkreter Nachhaltigkeitsmaßnahmen gehen zu können? Die Ergebnisse haben wir in einer Kurzstudie zusammengefasst, die allen Interessierten kostenlos zum Download zur Verfügung steht.


 


Wo stehen deutsche Destinationen, wenn es um die nachhaltige Ausrichtung des Tourismus geht und was sind die wichtigsten Herausforderungen zur konsequenten Umsetzung von Nachhaltigkeitsbestrebungen? Diesen Fragen sind wir im Rahmen einer online Umfrage im Auftrag des DTV nachgegangen und haben Sie in einer aktuellen Kurzstudie zusammengefasst. Die wichtigsten Ergebnisse möchten wir Euch hier kurz vorstellen.

Teilnehmer der Umfrage
Für die Umfrage wurden bundesweit alle dem DTV bekannten lokalen, regionalen und städtischen Tourismusorganisationen angeschrieben. Von den 426 Adressaten haben 123 Organisationen an der Befragung teilgenommen. Dies entspricht einer erfreulichen Rücklaufquote von 29%. Regionale Tourismusorganisationen waren mit 67 Teilnehmern am stärksten vertreten. Außerdem beteiligten sich 31 städtische sowie 25 lokale Tourismusorganisationen. Die Verteilung entspricht dabei sehr gut der Grundgesamtheit und man kann von einer guten Abbildung der aktuellen Destinationsstruktur sprechen.

Erfolg des Leitfadens „Nachhaltigkeit im Deutschlandtourismus“
Der 2016 herausgegebene Praxisleitfaden „Nachhaltigkeit im Deutschlandtourismus“ ist bei drei Vierteln aller befragten DMOs bekannt – eine gute Ausgangssituation für die Positionierung des Leitgedankens Nachhaltigkeit im Tourismus. 85% davon finden den Leitfaden darüber hinaus auch hilfreich für ihre Arbeit und schätzen daran vor allem, dass wichtige Handlungsfelder für einen nachhaltigen Tourismus aufgezeigt werden (78% Zustimmung), dass ein Kriterienset aufgelistet wird (76% Zustimmung) und dass Checklisten zu jedem Handlungsfeld dargestellt werden (75% Zustimmung). DMOs ist es somit als Erstes wichtig zu wissen, welche Aspekte eines nachhaltigen Tourismus‘ auf Destinationsebene relevant sind und wie sie in einzelnen Bereichen ganz konkret aufgestellt sind.
Bei der Anwendung des Leitfadens für die Tourismusarbeit sehen die Ergebnisse deutlich differenzierter aus: Während die Mehrheit (75%) den Leitfaden als reines Informationsmedium ansehen und ihn ebenso an Partner und Gremien weitergeleitet haben (36%), nutzen ihn ca. ein Drittel der Befragten als Hilfestellung zur Entwicklung einer touristischen Nachhaltigkeitsstrategie (34%) sowie als Instrument zur Weiterbildung und Qualifizierung hin zu einem nachhaltigen Tourismus (30%). Interessant ist auch, dass sich vor allem lokale Tourismusstrukturen vom Leitfaden als Instrument zur Planung und Umsetzung von Maßnahmen angesprochen fühlen, wohingegen städtische Destinationen den Leitfaden kaum als Ratgeber für die praktische Umsetzung ansehen (22%).


  • © BTE Beurteilung des Leitfadens als Hilfestellung
  • © BTE Umgang mit Leitfaden in der Tourismusarbeit
  • © BTE Hemmnisse für die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit

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Status quo zur Nachhaltigkeit im Deutschlandtourismus
Die Sensibilisierung für das Thema Nachhaltigkeit ist im Deutschlandtourismus zwiegespalten. Die Hälfte der befragten DMOs hat sich mit dem Konzept Nachhaltigkeit schon einmal auseinandergesetzt, 51% sind damit noch nicht vertraut. Warum ist das so? Die Mehrheit sieht darin noch kein Thema, für das aktiv Personal und finanzielle Mittel eingesetzt werden (69%). Wir haben dazu im letzten Blogbeitrag berichtet: Ohne klaren Arbeitsauftrag für Aufgaben nach innen werden auch nicht entsprechende Mittel dafür eingesetzt. Hierfür braucht es jedoch einen Paradigmenwechsel der Aufgabenorientierung hin zu einem konsequenten strategischen Destinations-„Management“. Dieser Eindruck wird auch bei tieferer Betrachtung der Befragungsergebnisse offenbart: Nahezu alle DMOs sind vom Konzept Nachhaltigkeit überzeugt (98%) und nehmen es grundsätzlich als ihren Aufgabenbereich wahr. Darüber hinaus sehen die DMOs durchaus auch Wettbewerbsvorteile bei einer Nachhaltigkeitsorientierung (94%) und eine gewisse Erwartungshalten bei Gästen (96%). Es hapert jedoch an der Prioritätensetzung, denn 76% der Tourismusorganisationen geben an, dass ihr Fokus momentan auf anderen Aufgabenschwerpunkten liegt. Um zukünftig aktiver werden zu können, müssen DMOs ggf. eine Prioritätenverschiebung vornehmen und sich noch mehr als Moderatoren einer strategischen und nachhaltigen Destinationsentwicklung verstehen.

Maßnahmen für eine Nachhaltigkeitsorientierung im Deutschlandtourismus
Ungefähr ein Drittel der befragten deutschen Tourismusorganisationen haben bereits erste Schritte hin zu einem nachhaltigeren Tourismus unternommen. Die meisten der umgesetzten Maßnahmen sind dabei strategischer Art und lassen sich dem übergeordneten Themenfeld Management zuordnen. Weiterhin werden vor allem Aktivitäten in der Dimension Ökologie angegangen. Hier wurde im Durchschnitt mehr als eine Maßnahme pro DMO benannt. Die Bereiche Ökonomie und Soziales bergen hingegen noch Entwicklungspotential, denn nur rund ein Viertel der Tourismusorganisationen hat in diesen Dimensionen Maßnahmen umgesetzt.
Die aktuell wichtigsten Maßnahmenbereiche sind die Bearbeitung des Themas Green Meetings, die Sensibilisierung von Tourismusakteuren für Nachhaltigkeit, die generelle Senkung des Ressourcenverbrauchs und Nutzung alternativer Energiequellen, Aspekte einer nachhaltigen Mobilität, die Förderung der lokalen Wertschöpfung und entsprechender Wirtschaftskreisläufe sowie die Sicherung von hochwertiger und familienfreundlicher Beschäftigung im Tourismus. Die Breite der genannten Maßnahmen spiegelt dabei auch die Vielschichtigkeit und Komplexität von Nachhaltigkeit wieder, in der es einen klaren Verantwortungsrahmen und vorwegschreitende Pioniere und Impulsgeber braucht.

Zukünftiger Handlungsbedarf für eine konsequente Nachhaltigkeitsausrichtung
Die befragten Tourismusorganisationen sehen durchaus weiteren Handlungsbedarf, um Nachhaltigkeit im Deutschlandtourismus fest zu verankern. Als logische Konsequenz aus aktuell fehlenden finanziellen und personellen Ressourcen werden weitere finanzielle Anreize und eine staatliche Unterstützung für Tourismusorganisationen und Leistungsträger gefordert. Darüber hinaus sprechen sich rund ein Drittel der DMOs für Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote aus. Diese sind vor allem für lokale Tourismusorganisationen und DMOs, die sich noch nicht intensiver mit Nachhaltigkeit auseinandergesetzt haben, von hoher Relevanz. Jede dritte Tourismusorganisation gibt außerdem an, dass im Bereich Zertifizierung ein Handlungsbedarf existiert und es einheitliche Qualitätsstandards braucht. Auch die Aufgabenbereiche und Verantwortlichkeiten einer Tourismusorganisation sollten klar geregelt sein, um sich dann entsprechend geordnet dem Themenfeld Nachhaltigkeit konsequent widmen zu können.

Fazit: Welche Schlüsse können wir daraus ziehen?
Die Ergebnisse der Befragung stützen unsere Erfahrungen im Rahmen der Nachhaltigkeitsberatung. Einige Impulse dazu möchte ich noch einmal kurz zusammenfassen:

  1. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung setzt sich im Tourismus stetig durch: Viele Destinationen haben erkannt, dass sich die Leitidee der nachhaltigen Entwicklung in allen Gesellschafts- und Wirtschaftsbereichen – und damit auch im Tourismus – durchsetzt. Die Bedeutung ist erkannt, es werden Vorteile einer entsprechenden Ausrichtung gesehen und erste Prämissen sind in Destinationen gesetzt.
  2. Es braucht strategische und organisatorische Rahmenbedingungen: Als Querschnittsbranche kann sich die Tourismusindustrie nicht immer klar in ihrem Verantwortungsbereich rund um Nachhaltigkeit verorten. Auch Destinationsmanager haben Schwierigkeiten, einen konkreten Zugang dazu zu finden. Umso wichtiger ist es daher, das Ziel der nachhaltigen Ausrichtung der Destination auch in den strategischen Papieren – sei es im Tourismusentwicklungskonzept, der Tourismus- oder Destinationsstrategie – festzuhalten und daraus klar greifbare und auf die eigene Destination zugeschnittene Konsequenzen zu ziehen. Die DMO sollte sich dabei als Moderator, Leader und Wegbereiter einer strategischen, nachhaltigen Destinationsentwicklung begreifen und die Organisation entsprechend aufstellen.
  3. Forderung nach politischer Rückendeckung für mehr Nachhaltigkeit im Tourismus: Dafür braucht es wiederum noch stärkere Signale der Politik auf allen Ebenen – auch anhand von finanziellen Mitteln und ggf. klaren Rahmenbedingungen – die den Tourismus in Deutschland auf Nachhaltigkeitskurs setzen. Zum Beispiel gilt es, den Labeldschungel im Tourismus zu beheben und eine einheitliche Orientierung für Betriebe zu schaffen, zum Beispiel anhand eines klaren generellen Nachhaltigkeitszeichens, unter dem sich die Zertifizierungen wiederfinden, die auch wirklich international anerkannte Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards umsetzen (ähnlich wie beim Biozeichen).
  4. Finanzielle und personelle Ressourcen schaffen: Für die Nachhaltigkeitsausrichtung braucht es Personal mit ausreichendem Budget, um sämtliche touristische Nachhaltigkeitsaktivitäten steuern, neue Impulse setzen und das Thema weiterentwickeln zu können.
  5. Der Komplexität mit konkreten und gut durchdachten Maßnahmen begegnen: Im akademisch-wissenschaftlichen Rahmen mag Nachhaltigkeit im Diskurs stehen; in der Praxis lässt sich damit wunderbar arbeiten. Sei es anhand von emotionalen Geschichten, mit attraktiven Angeboten und innovativen Produktideen oder indem Nachhaltigkeit als greifbares Qualitätsversprechen verortet wird.
  6. Orientierung für Tourismusbetriebe geben: Die DMOs sind Netzwerker, Berater und Impulsgeber. Umsetzen müssen die Tourismusbetriebe vor Ort. Ohne gemeinsames Verständnis aller Akteure zum Leitgedanken der Nachhaltigkeit wird kaum Dynamik erzeugt werden können. Die Betriebe sollten wissen, was sich für die Region und sie selbst ganz konkret dahinter verbirgt, welche Bereiche besonders relevant sind und wo sie mitwirken können. Auch hier können DMOs bestens unterstützen, z.B. indem sie Infoveranstaltungen und Workshops anbieten, Partnernetzwerke etablieren, die mit klar greifbaren Qualitätskriterien hinterlegt sind und besondere Vermarktungskanäle für Nachhaltigkeitspioniere bieten. Wichtig ist, dass die DMO den Tourismusbetrieben klare Vorteile verschafft, wenn sie im Einklang mit Umwelt und in sozialverträglicher Weise wirtschaften.



Weitere Informationen (externe Webseiten)

» Ergebnisse der Kurzstudie „Status Quo – Nachhaltigkeit im Deutschlandtourismus“ kostenfrei herunterladen.



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