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Grenzenlos reiten in Europa

Reittourismus Ulrike Frank

Voraussetzungen und Beispiele für das Reiten über Grenzen

Das Reisen ohne Schlagbäume und Passkontrolle ist in Europa seit vielen Jahren Realität. Aber gilt das auch für das Reisen mit dem Pferd? Auch der Reittourismus wird internationaler. Beim Grenzübertritt mit Pferd sind jedoch besondere Regelungen zu beachten – und manchmal sind auch gute Nerven oder Improvisation gefragt. Auf der anderen Seite zeigen gute Beispiele aus europäischen Grenzregionen, wie Grenzen überwunden werden können und machen Mut für neue „grenzenlose“ Reitprojekte. Wir bieten nachfolgend einen Überblick.
Experten aus ganz unterschiedlichen Ländern haben uns geschildert, was für das „grenzenlose Reiten in Europa“ noch weiter zu tun ist. Erstaunt bin ich dabei über die große Übereinstimmung: Gewünscht wird von allen eine internationale Organisation des Reittourismus und eine stärkere Kooperation zwischen den Beteiligten, gemeinsame Projekte sowie der Abbau von Hürden und der Erhalt des Pferdes als Bestandteil der europäischen Kultur.

Was beim Reiten über Grenzen zu beachten ist

Reiter und Kutschfahrer müssen beim Grenzübertritt besondere Vorschriften und das Reitrecht des jeweiligen Landes beachten. Sie wünschen sich pferdegerechte Grenzübergänge und Reitmöglichkeiten in der Nachbarregion.

  • Die Vorschriften für den Grenzübertritt: Grundsätzlich gilt, dass für Mitgliedsstaaten der Europäischen Union keine gesondert Genehmigung für den Grenzübertritt mit Pferden nötig ist, wenn die erforderlichen Unterlagen mitgeführt werden. Diese sind: a) der seit dem Jahr 2000 in der EU allgemein für Pferde vorgeschriebene Equidenpass (Dokument zur Identifizierung des Pferdes) und b) eine aktuelle amtstierärztliche Gesundheitsbescheinigung (wenn der Aufenthalt länger als 24 Stunden dauert, also nicht für Tagesausflüge). Bei Transport im Pferdehänger gelten außerdem die Vorschriften gemäß Tierschutztransportverordnung und für alle Grenzübergänger die allgemeinen Zollvorschriften.
  • Geeignete Grenzübergänge und Verbindungen: Problematisch ist es für Reiter und Kutschfahrer, wenn Grenzen nur über vielbefahrene Straßen passierbar sind. Am besten geeignet sind die sogenannten „grünen Grenzen“ – Grenzverläufe in der Natur zwischen den zugelassenen Grenzübergangsstellen – die Landschaften in zwei Ländern verbinden. Hier stellt sich allerdings teilweise die Problematik fehlender Wegeverbindungen zwischen zwei benachbarten Grenzgebieten, insbesondere wenn der Grenzverlauf durch Gewässer als natürliche Hindernisse geprägt ist.
  • Unterschiedliches Reitrecht:
    Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich: Während in manchen Ländern überall geritten oder gefahren werden darf, wo es nicht ausdrücklich verboten ist, ist es in anderen nur auf ausgewiesenen Reitwegen oder mit Genehmigung des Eigentümers erlaubt. In Deutschland hat jedes Bundesland ein anderes Reitrecht – eine echte Erschwernis bei der Entwicklung von reittouristischen Angeboten über die lokale Ebene hinaus und für das Image Deutschlands nach außen als klassisches Pferdeland und attraktives Reiturlaubsziel.

Gute Beispiele und Projekte

Wir stellen Ihnen eine Auswahl an Regionen und Projekten vor, die das „grenzenlose Reiten“ bereits vorangebracht haben:

VFD-Projekt „Pferde-Reise-Wege“

Die VFD als Fachverband für das Freizeitreiten und -fahren hat auf Basis des von BTE erarbeiteten Konzeptes „Pferde-Reise-Wege“ ins Leben gerufen und eine Plattform für das Reiten und Fahren in Europa entwickelt. Diese beinhaltet regionsübergreifende Routen in Deutschland und den Nachbarländern. Ziel ist es, nach und nach ein Routennetz in Europa aufzubauen. Die Pferde-Reise-Wege sind auf dem VFD-Routenportal veröffentlicht: http://routen.vfdnet.de/
Unser persönlicher Favorit: Die 1.220 Kilometer lange Postkutschenroute durch Litauen, Lettland, Russland und Polen (siehe Link unten).

Grenzenlos reiten in deutsch-niederländischen Landschaften

An der deutsch-niederländischen Grenze wurden die meisten grenzüberschreitenden Angebote für Reiter entwickelt. Tolle Landschaften, viele Wege und ein unkomplizierter Grenzübertritt locken Reitgäste insbesondere aus den Ballungsgebieten der Umgebung. Einzige Erschwernis für Gäste: Auf deutschem Gebiet müssen auch Gastreiter aufgrund des nordrhein-westfälischen Reitrechts eine Reitplakette erwerben.
Im Rahmen des Projekts „Grenzenlos reiten in der Euregio Rhein-Waal“ entstand ein 1.300 Kilometer umfassendes Reitwegenetz in den Kreisen Wesel, Kleve und Teilen der Stadt Duisburg sowie die in drei angrenzenden niederländischen Provinzen. Die Routen sind im Reitatlas mit 54 herausnehmbaren Karten und vielen Informationen für Reitgäste dargestellt. Für mehr Informationen siehe Link unten.

Im Grenzgebiet zwischen Emmen im Naturpark Bourtanger Moor und Isselburg im Westmünsterland wurden sechs Touren für Reiter entwickelt. Die Routen sind zwischen 20 und 35 Kilometer lang und können miteinander kombiniert werden (Für mehr Informationen siehe Link unten)
Lokale Einzelmaßnahmen können sehr wichtig sein: Im Rahmen des INTERREG IV A-Projektes „Mit dem Pferd und Kutsche über die Grenze“ wurde die Grenzbrücke Lindhorstweg so saniert, dass sie nun auch für Reiter und Kutschfahrer eine Verbindung über den Grenzfluss zwischen der Niederlande (Gemeinde Montferland) und der Bundesrepublik Deutschland (Stadt Emmerich) herstellt (mehr Infos: siehe Link unten).

Oderland Pferdeland

Die Region zwischen der deutschen Landeshauptstadt Berlin und Gorzów Wielkopolski in Polen (dt: Landsberg an der Warthe) vermarket sich gemeinsam als Pferderegion. Aus dem mit INTERREG II A-Mitteln geförderten Projekts „Wirtschaftskraft mit Pferde(n)Stärken“ unter Federführung der IHK-Projektgesellschaft mbH Frankfurt (Oder) sind unter anderem gemeinsame Marketingaktivitäten und eine internationale Reitwanderroute entstanden.
Die 300 Kilometer lange Reitroute führt vom brandenburgischen Naturpark Märkische Schweiz über das Oderbruch und die polnische Grenze durch den Landschaftspark Untere Warthemündung. Auf der Strecke liegen mehrere Reitstationen, die zwei- und vierbeinige Gäste aufnehmen.
Das grenzenlose Reiten zwischen Polen und Deutschland kann als echter Erfolg bewertet werden. Dabei hat das Jahr 2004 eine besondere Bedeutung: Die Republik Polen wurde in diesem Jahr als Mitglied der Europäischen Union aufgenommen, und das Reitrecht in Brandenburg wurde liberalisiert. Seitdem ist das Reiten und Fahren auf allen zweispurigen Wegen erlaubt. 2006 wurden erstmalig „tierische Grenzgänger“ an der deutsch-polnischen Grenze in Küstrin (Kostrzyn) abgefertigt. Geeignete Grenzübergänge für Reiter und Gespanne bzw. fehlende „grüne Grenzen“ stellen allerdings nach wie vor eine Hürde dar: In der Region Oderland ist die Grenze über die Oder nur über Brücken entlang von Bundesstraßen oder mit Fähren passierbar (Mehr Informationen siehe Link unten).

Handlungsbedarf

Die Grenzen sind offener geworden und in den Projekten der Grenzregionen wurde viel erreicht. Dennoch bleibt für das grenzenlose Reiten in einigen Bereichen Handlungsbedarf.
Wichtige und notwendige Schritte aus BTE-Sicht haben wir in unserem letzten Newsletter skizziert (siehe Link unten) und die Reitorganisationen und Praktiker um ein Statement gebeten.
Hier die Expertenmeinungen, wodurch das Reiten ohne Grenzen weiter gefördert werden sollte:

David Wewetzer, Leiter des Bundesarbeitskreises Marketing bei der VFD, der selbst zahlreiche Wanderritte im In- und Ausland gemacht hat, darunter 900 Kilometer entlang des Grünen Bandes an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze (https://gruenesband.wordpress.com/): „Eine aktive Förderung ist nicht notwendig – ein Abbau von Hindernissen reicht vollkommen aus. Eine Akzeptanz von Pferden in der Natur – nicht nur auf Weiden – in den Köpfen der Verwaltung von Gemeinden und die Anerkennung des Pferdes als Kulturgut wären die einzigen ‚Investitionen‘ zur Belebung eines nachhaltigen und naturverträglichen Tourismus: Wanderreiten. Unversiegelte Wege helfen dem Naturschutz und schonen die Gemeindekassen (ganz anders als die Herstellung von Radwegen). Die Reiter suchen sich in erster Linie die Regionen nach dem Reitrecht aus – nicht nach touristischen Highlights. Kooperationen von Stationen und Tourismusregionen über die Landesgrenzen hinaus und attraktive Cross-Border-Angebote (auch im unteren Preissegment) vermitteln einen leichten Einstieg in das ‚Reiten im Ausland‘ … und locken die Reiter in die Region.“

Gintaras Kaltenis, Mitglied der „Long Riders‘ Guild“, der unter anderem 2.000 Kilometer von der Ostsee bis ans Schwarze Meer geritten ist: „Handlungsbedarf besteht vor allem bei Grenzübertritten zwischen einzelnen Ländern, in denen die Grenzüberschreitung per Pferd einfach nicht vorgesehen ist und somit Kompromisslösungen und guten Willen der Grenzbeamten fordert. So wurden unsere Pferde an der Grenze zwischen Weißrussland und der Ukraine als „small baggage“ (kleines Gepäck, Handgepäck) deklariert, weil eine passende formale Grenzregelung fehlte. An der Grenze zwischen Weißrussland und Polen mussten wir fast 24 Stunden warten, bis eine legale Lösung gefunden wurde – und das trotz vorheriger Ankündigung. Durch Einführung entsprechender Regelwerke könnten Grenzübertritte einfacher und reiterfreundlicher gestaltet werden. Von großer Bedeutung sind auch die Vernetzung und der Austausch zwischen den Reitern. So hat uns die Aufnahme in die Long Riders‘ Guild viele Informationen und Kontakte gebracht. Auch das VFD-Symposium in Reken (siehe Link unten) hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen und uns unser Ziel vor Augen geführt: Wir wollen internationalen Pferdetourismus organisieren und eine Organisation gründen, in der sich Gleichgesinnte zusammenfinden und voneinander lernen. Außerdem sollte der Erhalt des Pferdes als Kulturgut – auch länderübergreifend – mehr Wertschätzung und Unterstützung erfahren. Pferde haben einen prägenden Einfluss auf unsere Geschichte und unser Leben, sei es früher im Kampf und bei der Bewirtschaftung des Landes oder heute als Sport-, Freizeit- und Reisepartner.“

Dr. Anne Buchmann, Dozentin der Universität Newcastle in Australien, und Mitglied des „Equine Research Network“, die 2014 fünf Monate quer durch Europa gereist ist, um den Reittourismus in den Ländern zu untersuchen und zu vergleichen: „Ich war angenehm überrascht, wie viele wichtige Grundlagen und Planungen in den Bereichen Freizeitreiten und Pferdetourismus bereits geschaffen wurden. Es gibt inspirierende regionale Projekte, wie im französischen Trouville-sur-Mer, wo Pferde wieder in das Stadtbild eingeführt wurden – oder im englischen Yorkshire, wo systematisch ein umfassendes Reitnetzwerk aufgebaut wird. Es fällt jedoch auf, dass viele Regionen isoliert und für sich agieren. Zum Beispiel habe ich an einer wichtigen Konferenz in Frankreich zum Thema ‚Pferde in Freizeit und Tourismus‘ teilgenommen, von der in England oder Deutschland niemand gehört hatte. Oder das fantastische Programm „Ride Yorkshire“ (Link siehe unten), das trotz seines großen Beitrags zur Regionalentwicklung weitgehend unbekannt ist, sogar im eigenen Land. Wir sollten unbedingt diese regionalen und nationalen ‚Leuchttürme‘ identifizieren und die Chance nutzen, voneinander zu lernen. Ich wünsche mir regelmäßige Workshops und Symposien auf überregionaler und EU-Ebene, die solche Netzwerke anregen und stärken, und uns ermöglichen, gemeinsam Prioritäten zu identifizieren und politisch umzusetzen.“

Wir freuen uns auf weitere Meinungen und Beispiele!

Ein Beitrag von: Ulrike Frank