BTE Blog: Tourismus im ländlichen Raum Macht Tourismus Kommunen arm? Und wie geht es anders? Überlegungen für eine nachhaltige Tourismusplanung und goldene Regeln des verantwortlichen Gutachters


Ein Beitrag von:
Harald Geißler
geschrieben am 22.01.2014

Beim Lesen des Abschnitts zum Tourismus im Koalitionsvertrag fällt mir auf, dass gar nichts auffällt: Dem Leser begegnen (wie eigentlich fast durchgängig in dem Papier) die bekannten Thesen und Strategien: Alles ist gut und soll genauso weiterlaufen, damit es noch besser wird. Ich frage mich, ob das „weiter so“ der richtige Ansatz ist und erinnere mich an eine Reportage des WDR in der Reihe „Die Story“, die im Juli 2013 ausgestrahlt wurde und unter dem Titel „Alpen abgezockt – Berge, Schnee und Billiglohn“ (unter diesem Titel noch im WDR-Archiv gespeichert) schonungslos beschreibt, wie das Primat des Tourismus bei allen Entscheidungen und Investitionen die Stadt Garmisch-Partenkirchen in eine Sackgasse geführt hat. Das hat mich ins Grübeln gebracht, und hier will ich öffentlich weitergrübeln.


 


Tourismus kann arm machen!
Die Situation in GAP ist krass – und kommt mir doch bekannt vor:

  1. Die Stadt ist fast pleite, muss hohe Zuschüsse bezahlen für die touristische Infrastruktur und musste ihre kommunalen Sozialwohnungen verkaufen, um die Modernisierung der Skianlage zu bezahlen. Liegt bei der Wirtschaftskraft auf Höhe eines portugiesischen Dorfes.
  2. Die Einwohner leiden, weil der Wohnraum so teuer ist und die ehemaligen Sozialwohnungen mittlerweile auch. Gleichzeitig werden im Tourismus nur mieseste Löhne bezahlt.
  3. Die meisten Arbeitskräfte im Tourismus kommen von außerhalb, vielfach Osteuropa. Der Arbeitsplatzeffekt für die Einwohner der Region ist begrenzt, angemessen bis gut bezahlte Arbeitsplätze muss man suchen.
  4. Die Gastronomie leidet, weil die Tagesgäste kaum noch einkehren, und weil die Einheimischen kein Geld zum Ausgehen haben (geringer Verdienst, hohe Mieten).
  5. Die Schanzenanlage für das Neujahrsspringen kostet auch ein Heidengeld, die kommunale Schanzenanlage ist nur an diesen Tagen touristischer Magnet (steht den Rest des Jahres nur dumm rum), und die normalen Gäste (von Privatvermietern und traditionellen Gastgebern) bleiben über diese Tage wegen dem Rummel weg.
  6. Ach ja, die Natur geht natürlich auch vor die Hunde.



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Wo ist die viel beschworene Nachhaltigkeit geblieben?
Die hier beschriebene Situation ist – vielleicht meistens nur in abgeschwächter Form – Realität in vielen Tourismusorten in Deutschland und kann in weiteren Orten zur Realität werden. Und sie steht in krassem Gegensatz zu den Thesen und Strategien im Koalitionsvertrag.
Ich will mich hier nicht am Koalitionsvertrag festhalten. Den kritisieren schon genug andere. Meine Gedanken gehen weiter und in eine ganz andere Richtung: Sind wir Gutachter mitverantwortlich für diese Situation?

  1. Unsere Tourismusstrategien und Masterpläne, Marketing- und Angebotskonzepte sind doch stets darauf ausgerichtet, alle Potenziale der Regionen zu mobilisieren, damit die Gäste noch besser bedient werden, zuhauf kommen, Umsätze generieren und damit Arbeitsplätze sichern und schaffen. Soziale Aspekte und ökonomische Folgewirkungen stehen nicht im Inhaltsverzeichnis, sie werden ja in der Ausschreibung auch nicht erwartet.
  2. Unter dem Motto „Was will der Gast“ sind umweltfreundliche Mobilitätsangebote, gesunde regionale Küche und giftfreie Gästezimmer in die Angebotskonzepte eingezogen. Das Bemühen um umweltfreundlichen Tourismus hat die früheren Kämpfe gegen die Zerstörung von Landschaft und Natur durch Großprojekte abgelöst. Ein Bemühen um sozialverträglichen und etatfreundlichen Tourismus kann ich nur selten feststellen.
  3. In den Nachhaltigkeitsstrategien im Tourismus stelle ich nur zwei Zielrichtungen fest: Wie kann Tourismus in natur- und umweltfreundliche Bahnen gelenkt werden, und wie kann Natur & Umwelt vom Tourismus profitieren (z. B. durch Vermarktung regionaler ökologischer Produkte, z. B. durch Zuführung von Besuchern zu Umweltbildungsangeboten in Großschutzgebieten).
  4. Die zweite und dritte Säule der Nachhaltigkeit, die soziale und die ökonomische Komponente, spielen nur eine nachgeordnete Rolle. Die dabei betrachteten Aspekte „Bewahrung der regionalen kulturellen Identität“ und „Sicherung der Wirtschaftlichkeit für kleine Betriebe“ kommen mir vor wie ein Kampf gegen historische Windmühlen; der den Blick ablenkt von den wesentlich akuteren aktuellen Problemen.

Sind wir Gutachter mitverantwortlich für diese Situation?
Ich hatte mir eingangs die Frage gestellt, ob wir Gutachter eine Mitverantwortung dafür tragen, dass Manches aus dem Ruder gelaufen ist. Diese Frage kann ich mir hier nicht beantworten, freue mich aber über Kommentare dazu.
Vielmehr möchte ich den Blick nach vorne richten und mache mir erste Gedanken, wie ein Umdenken und Umlenken möglich ist, wohin es führen könnte und – vor allem – was das für uns Gutachter bedeutet. Wir könnten uns ja ein paar „goldene Regeln des verantwortlichen Gutachters“ aufstellen. Zum Beispiel:
  1. Bewusstsein bilden für die sozialen Aspekte und ökonomischen Folgewirkungen – und darüber mit den Auftraggebern sprechen.
  2. Die Berücksichtigung der sozialen Aspekte und ökonomischen Folgewirkungen bei der Erarbeitung von Konzepten und Gutachten vorschlagen.
  3. Bei Wirtschaftlichkeitskonzepten für touristische Projekte noch deutlicher kommunizieren, dass auch das Worst-Case-Szenario eintreffen kann.
  4. Offensiv für neue und radikale Lösungen werben, gleichzeitig Kirchturmdenken und einseitige (umsatzsüchtige) Strategien anprangern.

Gleichzeitig müssten allerdings auch die Kommunen als Auftraggeber offen sein, für derartige Überlegungen und nicht dem größten, schönsten und blumigsten Versprechungen für eine einseitige Potenzierung ihres Besucherverkehrs hinterher rennen.
Diese kurze Liste könnte sicherlich noch verlängert werden. Aber wo führt sie hin? Wer hält die Regeln hoch und mahnt zur Umkehr? Wer will der Prediger in der Wüste sein? (Jesaia 40,3)
Bibelsprüche helfen hier leider nicht weiter, „Kehrt um“-Aufrufe haben keine Konjunktur. Ich will da lieber auf die Kraft der Vernunft vertrauen, unterstützt durch die Überzeugungskraft leerer Kassen. Vielleicht werden wir Gutachter bald / öfter gefragt, wie Kommunen aus der Patsche herauskommen können. Auf diese Herausforderung freue ich mich schon heute.



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